Digital Literacies und Offenheit

tl;dr: im Blog von Wikimedia Deutschland habe ich über das Verhältnis von Digital Literacies, Offenheit und gesellschaftlicher Teilhabe geschrieben. Der Text ist nun auch hier in meinem Blog zu finden. Diese Überlegungen sind unter Mitwirkung vieler Kolleginnen und Kollegen bei Wikimedia entstanden, haben sich aber auch in Gesprächen mit vielen anderen Menschen von anderen Organisationen gefestigt.

Wie formen Menschen das Internet, wie bewegen sie sich im Netz? Welche Fähigkeiten brauchen sie, um sich für freie Inhalte, Zugang und Zugänglichkeit einzusetzen? Wie lassen sich diese persönlichen Fähigkeiten –  manche sprechen von Medienkompetenz oder Medienbildung, andere von Digital Literacies – beschreiben und fördern? Welche Rolle spielt das Freie Netz in diesem Zusammenhang, welche Rolle spielen Freie Inhalte? Warum ist das für Wikimedia Deutschland interessant und was planen wir in diesem Zusammenhang?

In Anlehnung an diese Fragen verfolgt Wikimedia Deutschland unter dem Arbeitstitel “Partnerschaftliche Initiative für Digital Literacies” intensiv die Bildung einer Koalition mit anderen Organisationen, die sich ebenso für die Förderung von Digital Literacies im Hinblick auf Freies Wissen und gesellschaftliche Partizipation stark machen möchten. 

Was meinen wir mit Digital Literacies?

Die Arbeit von Doug Belshaw liefert eine gute begriffliche Einordnung von Digital Literacies. Belshaw beschreibt in seiner Dissertation von 2011 acht Elemente von Digital Literacy, die nicht 1:1 vom Englischen ins Deutsche zu übersetzen sind.

Wir möchten aber dennoch den Versuch eines Übertrags der einzelnen Elemente in die deutsche Sprache unternehmen: 

Cultural (“kulturell”): Das “kulturelle Element” von Digital Literacy formuliert den Drang, verschiedene kulturelle Kontexte und Besonderheiten in der Nutzung von digitaler Technologie zu berücksichtigen und anzuerkennen. Das beinhaltet auch eine Sensibilität für die eigene Unkenntnis bestimmter kultureller Kontexte und die Fähigkeit, sich ihnen anzunähern. Technologien sind immer Teil einer eigenen Kultur mit Gewohnheiten, Themen und eigenen Normen, die deren Nutzung beeinflussen. 

Cognitive (“kognitiv”): Das “kognitive Element” von Digital Literacy kann leicht als ein reines Benutzen von Tools und Software missverstanden werden. Jedoch geht es bei diesem Element eher darum, wie sich die eigene Wahrnehmung und Erkenntnis entwickelt, wenn digitale Tools, Netzwerke und Software genutzt werden, welche Optionen und neue Nutzungsmuster sich so ergeben und wie sie zusammenwirken können um ein bestimmtes Problem oder eine Frage zu lösen. 

Constructive (“konstruktiv”): Das “konstruktive Element” von Digital Literacy beinhaltet das Schaffen von etwas Neuem, auch auf Basis schon bestehender Ressourcen im Remix. Ein Teil dieses Elements von Digital Literacy ist es daher, zu verstehen welche rechtlichen und sozialen Voraussetzungen und Konsequenzen (z. B. Urheberrecht, Persönlichkeitsrechte, Zitation) das Aufgreifen der Arbeit anderer haben kann und die eigene Arbeit in Abstimmung mit anderen entsprechend anzupassen. 

Communicative (“kommunikativ”): Das “kommunikative Element” von Digital Literacy ist auf die verschiedenen Arten der Kommunikation in digitalen Umgebungen und Netzwerken sowie auf ein Verständnis von digitaler Kommunikation fokussiert. Es ist ebenso ein perfektes Beispiel dafür, dass die Elemente, ihre Wirkungen und Bedingungen überlappen. Kommunikation ist ein zentrales Element von Digital Literacy.  

Confident (“bewusst und selbstbewusst”): Das “Confident” Element hat zwei Perspektiven. Einerseits lässt es sich deuten als eine selbstbewusste Haltung, mit der Menschen sich einem Problem oder einer Herausforderung im Digitalen Raum nähern, indem sie in ihrer Nutzung digitaler Räume und Technologien selbstsicher agieren um ein bestimmtes Problem oder einen bestimmten Zusammenhang zu klären. Andererseits kann es als Bewusstsein verstanden werden, dass im Digitalen iteratives Denken und Arbeiten – und damit auch eine andere Fehlerkultur – Einzug halten kann, dass digitale Umgebungen im Vergleich zu physischen Umgebungen eine schnellere Chance der Verbesserung und Verfeinerung von Fehlern und Ungenauigkeiten bieten. Um einen etwas schiefen Vergleich zu bemühen: Während die Neuauflagen eines Buchs oder eines Lexikons durchaus Jahre auf sich warten lassen können, lässt sich ein Blogbeitrag, ein Post in sozialen Medien oder ein Wikipedia-Artikel sehr viel schneller durch Anmerkungen, Korrekturen oder auch eine neue Version weiterentwickeln und so gegebenenfalls auch richtigstellen. Das “Confident Element” fördert auch das Schaffen von digitalen Umgebungen, die Selbstwirksamkeit und Übung fördern. 

Creative (“kreativ”): Unter dem “kreativen Element” von Digital Literacy versteht Belshaw das Verfolgen von neuen Dingen auf neuen Wegen. Technologien und Mechanismen des digitalen Raums so einzusetzen, dass sie passende, neue Lösungsformen anbieten anstatt lediglich das vorher bestehende digital abzubilden, ist unter dem kreativen Element von Digital Literacy zusammengefasst. Dies beinhaltet unter Umständen auch das berechnete Eingehen von Risiken. 

Critical (“kritisch-analytisch”): Das “kritisch-analytische Element” von Digital Literacy beinhaltet Reflexion digitaler Praktiken, das Führen möglicher Rückschlüsse auf in den Praktiken sichtbar werdende Machtverhältnisse und Dynamiken, sowohl auf individueller wie auch auf Gruppen- und gesellschaftlicher Ebene. Dies beinhaltet auch das Einnehmen verschiedener Positionen für die Analyse dieser Strukturen. Ein gutes Beispiel hierfür kann die Wahl der jeweiligen Plattformen und Publikationsmethoden im Netz sein, die immer auch eine Abwägung von Zielen, Erwartungen, Haltungen, Bedenken in Bezug auf Ausschluss, Ansprache und Inklusion bestimmter gesellschaftlicher Gruppen implizieren.

Civic (“gesellschaftlich”): Das “gesellschaftliche Element” verdeutlicht die gesamtgesellschaftliche Perspektive von Digital Literacy. Es beinhaltet ein Verständnis dafür, Technologie für die Gesellschaft und ihre proaktive Weiterentwicklung einzusetzen. Ebenso findet sich in diesem Element die Haltung wieder, dass ‘das Digitale’ nicht von der Gesellschaft zu trennen ist. Die künstliche Trennung von ‘analog’ und ‘digital’ wird aufgebrochen, indem ‘dem Digitalen’ explizit auch eine gesellschaftliche Rolle und Relevanz zugeschrieben wird.

Warum sprechen wir bei Wikimedia von Digital Literacies?

Zugegebenermaßen sind die acht Elemente von Digital Literacy an vielen Stellen mehr oder weniger abstrakt, jedes einzelne verdient eigentlich eine gesonderte Erörterung. Belshaw führt diese Elemente als Rasterung ein, die helfen kann, über Digital Literacy und individuelle Fähigkeiten für eine Beteiligung im Netz zu sprechen. Ähnlich wie bei chemischen Elementen ist es auch im Fall der Elemente von Digital Literacy relativ selten, dass Menschen einem der Elemente in Reinform begegnen. Die meisten Tätigkeiten und Prozesse entstehen aus einer Mischung der Elemente, oft in situativ unterschiedlicher Gewichtung. Die acht Elemente von Digital Literacy bilden somit eine Komplexität ab, die wir in gängigen Modellen zu Digital Skills vermissen.

Digital Literacies > Digital Skills

Unter Digital Literacies verstehen wir auch mehr als unter Digital Skills: während sich Skills nach unserem Verständnis in großen Teilen auf fast schon “handwerkliche” Fähigkeiten und Fertigkeiten beziehen, finden sich in Digital Literacies viele wichtige zusätzliche Kontextfaktoren wieder. Der kritisch-analytische Umgang mit digitalen Räumen und Methoden, auch Faktoren eines gesellschaftlichen Zusammenlebens und eines interkulturellen Austauschs sind sehr viel präsenter als in den meisten Konzepten von Digital Skills. Gleichzeitig sind Menschen herausgefordert, Formen sozialer Interaktion, zwischenmenschlichen Umgang, Kommunikation sowie Ideen und Ideale eines Zusammenlebens im digitalen Raum zu auszubilden, zu entwickeln und auszuhandeln. Auch diese komplexen Vorgänge sehen wir in den Elementen von Digital Literacy abgebildet. 

Digital Literacies > Eignung für den Arbeitsmarkt

Ein weiterer großer Unterschied liegt in der Prägung bestimmter Diskussionen: Das 4K Kompetenzmodell, sogenannte Future Skills und 21st Century Skills, aber auch Begriffe wie Data Literacy werden von vielen Akteurinnen und Akteuren aus Sicht der “employability”, also der Befähigung einer Teilnahme am Arbeitsmarkt, positioniert. Wir möchten den Blick weiten, denn Digital Literacies sind mehr: Sie ermöglichen konstruktive Teilhabe an politischen Diskussionen, im Netz und außerhalb des Netzes; sie ermöglichen persönliche Meinungsbildung, souveräne Informationsbewertung. Digital Literacies bieten auch Zugänge zu Fragen interkultureller Kommunikation; sie sind Sinnbild eines ganzheitlichen Verständnisses von Plattformen und ihrer Machtstrukturen; sie befähigen Menschen zur Ausbildung einer kritisch-analytischen Mündigkeit, sich selbst das Netz zugänglich zu machen, es selbst zu formen. Damit sind Digital Literacies insbesondere jenseits des Arbeitsmarkts gefragter als je zuvor. Die Art und Weise, in der sich gesellschaftliche Debatten zur Klimakrise, zu EU-weiten Gesetzesreformen, zur allgemeinen Debattenkultur oder auch dem Umgang mit rechtspopulistischer, teils faschistischer und nationalistischer Politik formen, erfordert ein sehr viel größeres Verständnis für Vorgänge und Strukturen im Netz. Und obwohl sich ein großer Teil der Bildungsarbeit in diesem Bereich an junge Menschen richtet, haben gesellschaftliche und politische Debatten der letzten Monate sehr deutlich werden lassen, dass Digital Literacies nicht nur für junge Menschen relevant sind. Digital Literacies haben insbesondere für diejenigen, die derzeit gesellschaftliche Diskurse beeinflussen und Entscheidungen treffen, erhebliche Bedeutung. Ihr Fehlen an den entscheidenden Stellen unserer Gesellschaft ist eine große Gefahr. 

Als Fußnote sei hier außerdem angemerkt, dass Konzepte wie die 4K oder auch 21st Century Skills zu selten einer Prüfung im Hinblick auf ihre Urheberschaft unterzogen werden. Die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Konzepte, deren Urheber teils große Medien- und Softwareunternehmen und Hardware-Anbieter sind, ist teilweise erschreckend hoch und zeigt, dass eine Einmischung der Zivilgesellschaft in diesem Bereich dringend nötig ist. Umso bedenklicher wird dieser Umstand, wenn Organisationen wie die OECD, die u.a. mit PISA-Studien Taktgeber für die deutsche Bildungspolitik sein möchte, diese Konzepte übernimmt und ihre wahrgenommene Legitimität so noch weiter erhöht. 

Und warum wird hier von ‘Digital Literacies’ und nicht von ‘Digital Literacy’ gesprochen? Die Spannweite der Elemente von Digital Literacy ist sehr groß. Unser Anspruch bei der Nutzung und Weiterentwicklung dieses Konzepts ist es, möglichst viele Praktiken zu beschreiben und zu fassen. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Gewichtung der einzelnen Elemente individuell sehr unterschiedlich ist. Einzelne Menschen haben individuelle Präferenzen, Talente, Prägungen, Kontexte, Interessen und Absichten und entwickeln damit unterschiedliche Wege und Lösungen für ähnliche Probleme. Um dieser Pluralität auch sprachlich gerechter zu werden, sprechen wir von der Mehrzahl Digital Literacies oder eben den Elementen von Digital Literacy.

Was hat das mit Freiem Wissen und Offenheit zu tun?

Warum beschäftigen wir uns bei Wikimedia mit diesen Fragen? Wie sich Menschen im Netz bewegen, welche Fähigkeiten sie brauchen um sich dort für Freie Inhalte, Zugang und Zugänglichkeit einzusetzen, ist eine zentrale Frage, wenn Chancengleichheit beim Zugang zu Wissen und Bildung im Mittelpunkt steht. 

Digital Literacies sind ein Verstärker für Freies Wissen und Offenheit 

Das selbstständige Finden, Nutzen, Erstellen von frei lizenzierten Inhalten gemeinsam mit anderen Menschen erfordert individuelle Digital Literacies. Es ist nicht denkbar ohne kreative, kritisch-analytische, konstruktive und kommunikative Aktivitäten. Es ist auch nur schwerlich denkbar ohne eine Wechselwirkung mit der weiteren Gesellschaft. Fragen nach Urheberrecht, nach Zugang zu Technologie und Software, aber auch Fragen an ein Bildungsverständnis und Menschenbild sind zwangsläufig zu stellen, wenn Freies Wissen geschaffen wird, wenn es zugänglich gemacht wird und referenziert wird. Diese Fragen werden mit Digital Literacies adressiert und so verstärkt die Ausprägung individueller Digital Literacies die Entstehung, Erweiterung und den Erhalt Freien Wissens.

Freies Wissen ist ein Katalysator für die Aneignung von Digital Literacies

Eine Schülerin, die selbst gemeinsam mit ihren Mitschülerinnen und -schülern Freie Bildungsmaterialien (Open Educational Resources) erstellt, diese veröffentlicht und von ihrer Lehrerin oder anderen Menschen Feedback bekommt, hat zwangsläufig mehr Möglichkeiten, Elemente von Digital Literacy auszubilden, als eine Schülerin, die lernt, indem sie Inhalte über eine App oder ein Schulbuch ‘konsumiert’. Offenheit, ob ausgehend von Technik, von Software oder Inhalten, verstärkt die individuelle Ausbildung von Digital Literacies. Transparenz demokratischer Prozesse und sprachliche Zugänglichkeit von Bürokratie fördern die Teilhabe der Menschen, die von ihnen betroffen sind. Offenheit und Nachvollziehbarkeit von pädagogischer oder auch journalistischer Praxis fördern kritisch-analytische Fähigkeiten. Offenheit und Digital Literacies potenzieren sich gegenseitig. Beide sind Verstärker für gesellschaftliche Partizipation, insbesondere in einer von Digitalität geprägten Welt, deren Debatten und Diskurse in maßgeblichen Teilen auch im Netz geführt werden. 

Aus diesen Gründen möchte Wikimedia Deutschland gemeinsam mit anderen Organisationen und Einzelpersonen weiter an Fragen um das Thema Digital Literacies, Offenheit und gesellschaftlicher Partizipation arbeiten. Die Grundlage für erste Gespräche bildete ein kurzes Dokument, in dem die Idee einer partnerschaftlichen Initiative für Digital Literacies beschrieben wird. In den letzten Monaten haben wir interessante, intensive und lehrreiche Gespräche mit Menschen in anderen Organisationen geführt, die sich den skizzierten Fragen aus einer bestimmten Perspektive widmen und sie mit bewundernswerter Ausdauer, Cleverness, Witz und Hingabe bearbeiten. Viele von diesen Menschen haben wir im April zu einem gemeinsamen Kennenlernen eingeladen, mit Ihnen nach Verbindungen, Übereinstimmungen und auch Gegensätzen in der gemeinsamen Arbeit gesucht. Anfang Juni hat Wikimedia Deutschland gemeinsam mit Mozilla bei der Tagung “Zukunft Freies Netz” unter anderem einen Workshop Track zu Digital Literacies angeboten, in dem weitere Perspektiven deutlich wurden. Die Arbeit an den Themen Digital Literacies, Offenheit und Partizipation werden wir in den kommenden Wochen und Monaten fortsetzen und dann auch in kürzeren Beiträgen hier im Blog berichten. 

Die grafische Darstellung der Elemente von Digital Literacy wurde mit dem Remixer der Visual Thinkery erstellt, der unter CC-BY-SA 4.0 lizenziert ist: https://remixer.visualthinkery.com/a/elemental 

Lizenzhinweis: wie eingangs erwähnt, erschien dieser Beitrag zuerst unter dem Titel “Digital Literacies und Offenheit: Was wir tun, damit Menschen das Freie Netz formen können.” im Blog von Wikimedia Deutschland unter einer CC-BY-SA 4.0 Lizenz. 

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