Digitalisierung der Hochschulen: Was fehlt, ist das Motiv

tl;dr: für den Blog des Hochschulforum Digitalisierung habe ich eine persönliche Stellungnahme zu dem im EFI-Gutachten 2019 veröffentlichten Kapitel “B4 Digitalisierung von Hochschulen (PDF)” geschrieben. Es musste recht schnell gehen, entsprechend könnte man sicher manche Argumente klarer zeichnen oder an der einen oder anderen Stelle etwas ergänzen, zum Beispiel Fragen rund um die Vergabe von Mitteln durch Hochschulen. Hier meine Stellungnahme:

Digitalisierung an Hochschulen wird auch an Hochschulen selbst als dringend und wichtig empfunden. Aber tatsächlich machen, die Worte mit Mitteln und Ressourcen hinterlegen, möchte es nur ein Bruchteil derer, die das für wichtig halten.

Kaum jemand verweigert sich der Tatsache, dass Digitale Transformation auch im Hochschulwesen seine Auswirkungen hat und haben wird. Das Überdenken der Aufgaben einer Hochschule vor dem Hintergrund einer Kultur der Digitalität, sich ändernder gesellschaftlicher Diskurse und Rahmenbedingungen, vor dem Hintergrund neuer Anforderungen, findet aber selten statt. Eher zu finden sind diejenigen, die versuchen, das bestehende System von Hochschule auf den digitalen Raum zu übertragen, es zu virtualisieren. Narrative eines nie endenden Lernens, einer schnelllebigeren Entwicklung von Berufsbildern, von politischen Diskursen und sich ändernder Willensbildung finden zwar Raum, die von Hochschulen entwickelten Lösungen gleichen den ehemals ‘analogen’ Lösungen aber oft bis auf’s Haar. Sie sind nun eben ‘digital’. Was fehlt, ist ein Motiv. Das deutsche Bildungssystem und auch das Hochschulsystem werden oft dafür gescholten, der Föderalismus und die Dezentralität würden insbesondere den Prozess der Digitalen Transformation des Bildungswesens entschleunigen und hemmen. Wenn dies auch vereinzelt stimmen mag, ist dieser Unmut aber doch eigentlich Ausdruck eines mit der Digitalisierung verbundenen Wunsches, mehr Kontrolle, mehr Standardisierung, mehr Einfluss auf das zu gewinnen, was in Hochschulen geschieht. Andersherum könnte es vielleicht funktionieren: wenn Hochschulen selbst das, was im Englischen als “agency” beschrieben wird, eine Art Handlungsbevollmächtigung erlangen, auch in Bezug auf Fragestellungen ihrer digitalen Transformation. Das kann funktionieren, wenn Hochschulen an ihr Profil, ihre Alleinstellungsmerkmale, ihre Region angepasst und gemeinsam mit den entsprechenden Akteur*innen Strategien entwickeln. Nicht für die Digitalisierung von Prozessen, sondern für ihren eigentlichen Auftrag: Forschung, Lehre und Austausch in Wechselwirkung mit der Gesellschaft; aber eben unter den Bedingungen, den Möglichkeiten, Gegebenheiten und Risiken der Digitalität. Beispiele in Deutschland dafür sind rar, mit der Hamburg Open Online University hat es eins bereits in das Gutachten geschafft. International lohnt vielleicht ein Blick an die University of Edinburgh.

Was braucht es dafür?

Finanzierung

Zunächst braucht es für die Entwicklung einer solchen Haltung an den Hochschulen tatsächliche Haushaltsmittel – Projektfinanzierungen sind gut geeignet für Projekte. Ein Projekt “ist ein zielgerichtetes, einmaliges Vorhaben, das aus einem Satz von abgestimmten, gesteuerten Tätigkeiten mit Anfangs- und Endtermin besteht” (Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Projekt). Digitale Transformation ist das Gegenteil. Sie läuft immer fort, hört nie auf und ihr Fortschritt lässt sich damit nicht wirklich gut in Prozentanteilen messen. Hochschulen benötigen also dringend Ressourcen für den Aufbau von Expertise und Infrastruktur, ohne befürchten zu müssen, dass die Mitarbeiter*innen, welche die Zukunft der Hochschule mitgestalten, zwölf Monate vor Projektende bereits unruhig Bewerbungen durch die Gegend schicken und damit vor der nötigen Dokumentation das Projekt bereits verlassen haben. Dass, wie im Gutachten vorgeschlagen, diese Mittel eine Art Kopfpauschale für Studierende sein könnten, erscheint unsinnig, wenn man sich die Wirkweise vieler digitaler Lösungen vor Augen führt: Ob eine Software von 10 Menschen oder von 10.000 Menschen genutzt wird – die Kosten für letzteres sind niemals 1.000 fach höher. Ähnlich verhält es sich bei fast jedem anderen Lehrformat, das die Bedingungen der Digitalität beachtet. Mit einer solchen Finanzierung muss auch eine fortlaufende Qualifizierung des gesamten Personals von Hochschulen einhergehen.

Kooperation und Kollaboration

Hochschulen müssen nicht nur in die Lage versetzt werden, selbst zu bestimmen, wofür sie ihre Mittel verwenden, sie müssen auch selbst entscheiden können, mit wem sie kooperieren und zusammenarbeiten wollen. Das im Gutachten beschriebene Potenzial hierfür ist immens, beschränkt sich aber gerade in Bezug auf Lehre auf Landesgrenzen. Das aufzubrechen muss Aufgabe der Hochschulen sein, wenn sie entsprechende Rahmenbedingungen erhalten. Ebenso macht Kooperation und Kollaboration unter den Bedingungen der Digitalität nicht an nationalen Grenzen oder an Typologien von Akteur*innen halt: Zivilgesellschaft, aber auch Wirtschaft, national und international muss genauso auf der Landkarte einer Hochschule auftauchen wie die Hochschule in 200 km Entfernung. Auch so lassen sich die verschiedenen Strategien in Einklang bringen und Hochschulen können eigenständige Profile bilden.

Openness und Transparenz

All dies erfordert aber auch Öffnung von Hochschule und Transparenz in ihren Governance-Strukturen. Die Zeit, in denen Hochschulpräsidien kleinen Königreichen ähneln, die intransparent Wohlwollen und Gefallen verteilen, müsste eigentlich längst vorbei sein. Es erfordert aber auch Öffnung: gerade eine derart dezentrale Struktur benötigt offene Standards (technisch, aber auch sozial), denen sich Hochschulen verpflichten müssen. Software muss Schnittstellen aufweisen, allein schon zur Vermeidung von Lock-in Effekten, aber auch zur Ermöglichung von Kollaboration und Kooperation. Inhalte müssen frei lizenziert sein, sie müssen aber auch in technisch zugänglichen Formaten verfügbar gemacht werden. Ein frei lizensiertes PDF ist nicht wirklich frei verfügbar. Offenheit braucht es aber auch im Wechselspiel mit der Gesellschaft selbst. Digitale Transformation ermöglicht verschiedene Formate und Konstrukte, in denen Kommunikation zwischen Gesellschaft und Hochschule ermöglicht wird. Partizipation an einer “Hochschulbildung für Alle” ist damit nicht mehr nur bloße Vision. Openness und Transparenz ermöglichen es, dass Hochschulen in ihren Regionen und Fachgebieten Epizentren werden, auf die man gerne schaut und mit denen man gerne zusammenarbeitet.

Politischer Wille und Austausch mit Zivilgesellschaft

Bisher bleibt die Bundesregierung die Einlösung ihrer Versprechen, die Hochschulen bei der Verbesserung der Qualität von Studium, Lehre und Forschung zu unterstützen, schuldig. Dass aber auch die Oppositionsparteien ganzheitliche und durchdachte Konzepte missen lassen, macht es einer Regierung einfach, große gesellschaftliche Fragen, wie die nach einer Hochschulbildung im Zeitalter der Digitalen Transformation, auszusitzen und zu ignorieren, bis der nächste Koalitionsvertrag geschrieben wird. Um solche Lösungen zu entwickeln, wird dann in aller Eile nach Lösungen aus der Wirtschaft gesucht, die Zivilgesellschaft wird – wie zum Beispiel bei der Zusammensetzung eines Nationalen Digitalrats – weitestgehend außen vor gelassen. Auch das muss sich ändern.

 

Der Text wurde am 01.03. unter einer CC-BY-SA 4.0 Lizenz auf den Seiten des Hochschulforum Digitalisierung gemeinsam mit drei weiteren Stellungnahmen veröffentlicht.

Header Image von Malcolm Lightbody via unsplash.

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